Das Welser Schachcomputer-Turnier

 

Kurzer geschichtlicher Rückblick:

Wie in MODUL 2/86 nachzulesen ist, begannen 4 Schachcomputer-Besitzer (3 Welser, 1 Linzer) mit insgesamt 7 Geräten ein Turnier zu veranstalten, daß in der Folge Jahr für Jahr in immer größerem Stil ausgetragen wurde. Damals kamen wir einmal pro Woche zusammen und spielten 1 Partie pro Abend. Das Turnier dauerte 3 Monate. Es siegte Mephisto Amsterdam vor Novag Expert und Mephisto Modular II.

Die Gemeinschaft der Schachcomputer-Besitzer wurde rasch größer die Turnierteilnehmer mehr und mehr, so versuchte ich einen geeigneten Raum zu finden, wo wir die Geräte über Nacht stehen lassen, und so täglich die Partien austragen konnten. War nicht so einfach. Es war immer im Winter, also mußte er beheizt werden. Wir brauchten mehrere Stromanschlüsse usw. Ich fand so einen Raum im Unternehmen wo ich beschäftigt war und der Chef erlaubte auch fremden Personen (unter meiner Verantwortung) den Zutritt in den Abend-und Nachtstunden.

1987 waren es bereits 10 Geräte und es siegte Fidelity Par Excelence vor Mephisto Dallas 32 bit und Mephisto Dallas 16bit. Schon damals spielte eine Rebel-Version mit, der Mephisto Rebel 5,0, wobei die 5 für 5 MHz stand. Man kann sich die dabei erreichten Suchtiefen vorstellen. 4 – 6 Halbzüge auf Turnierstufe waren alles, was die damalige Hardware hergab.

1988 mußte bereits ein "Vorturnier" über den Einsatz der 10 besten Geräte entscheiden und der Sieger von 1987 Par Excelence wurde Letzter. Es siegte Mephisto Roma vor Novag-Super-Expert. Man erkennt hier die rasche Entwicklung, die Jahr für Jahr zu sehen war.

1989 entschlossen wir uns nach Schweizer-System das Turnier zu organisieren und so konnten wir 32 Geräte mitspielen lassen. Rund 20 Schachcomputer-Besitzer stellten uns ihre Geräte zur Verfügung und halfen großteils bei der Bedienung der Geräte. Sogar Freunde aus Deutschland (Kimmich,Immel,Serfling,Flato) waren angereist. Damals siegte Fidelity Mach III / 20 Mhz vor MACH III/16 Mhz und Roma 32 bit (alles nachzulesen in MODUL 1/89).

1990 waren es 24 Geräte. Nicht, daß wir nicht mehr hätten haben können, aber es fing bereits an daß uns Operatoren fehlten, die sich die Zeit nahmen, täglich von 17 Uhr bis Mitternacht an den verschiedenen Computern Operatoren-Dienste zu verrichten. Es siegte Fidelity Elite 2325 / 33 Mhz vor Portorose 32bit und Portorose 16bit. Zum ersten Mal spielte bereits ein PC-Programm auf einem Atari mit: Psion 2.0 erreichte den beachtlichen 9.Platz

1991 waren wieder 26 Teilnehmer dabei, davon zwei PC-Programme: Mchess auf einen i486/33 MHz wurde 7. und Rexchess auf einen i386/33 MHz wurde 13. Gewonnen hat Mephisto Lyon 68.030 vor Mach-IV/28 MHz und dem Vorjahrssieger Elite 68.030. Wels galt in Insider-Kreisen bereits als die reale Weltmeisterschaft der Schachcomputer, da nur käuflich erworbene Geräte zum Einsatz kamen und keine spezielle Hardware sowie Eröffnungsbibliotheken, die speziell auf den jeweiligen Gegner vorbereitet wurden, wie dies bei den offiziellen Weltmeisterschafts-Turnieren der Fall war!

1992 war der absolute Höhepunkt mit 40 Teilnehmern erreicht. Mit 7 PC’s war auch hier ein Rekord verbucht. Erstmals war hier ein noch unbekannter Programmierer aus Oberösterreich namens Donninger mit einem NIMZO am Start. Immerhin 11.Platz auf Anhieb. Das Profi-Programm Mchess 1.66 erreichte den 3.Platz. Nur die beiden Vancouver von Mephisto (100.000.-Schilling Geräte) konnten noch die PC-Programme in Schach halten. Weitere PC-Programme waren Zarkov, The King und Fritz (22.Platz).

1993 brachte die Wende zu wieder weniger Teilnehmer, dafür mehr PC-Programme. 6 PC’s gegen 4 herkömmliche Schachcomputer allerdings die besten, die es aufzutreiben gab. Es siegte The King vor Fritz2 und dem DM 15.000.- teuren Mephisto Vancouver.

1994 waren 9 PC’s gegen 3 Schachcomputer angetreten und es siegten erwartungsgemäß die PC-Programme Genius2 vor Hiarcs2.1 und dem bis heute bestem Brettcomputer TaskR30. Es wurde immer schwieriger genügend PC-Besitzer aufzutreiben, die ihre Maschinen eine Woche lang für Schach zur Verfügung stellen würden. Auch war die rasante Hardwareentwicklung ein Problem. Neueinsteiger kamen mit den ersten Pentien, während die zwei Jahre alten Computer noch auf 386iger Prozessoren liefen. Die Zuteilung der Programme zu der entsprechenden Hardware war bereits eine Bevor-oder Benachteiligung einzelner Programme.

Mit dem 10.Welser Schachcomputer-Turnier 1995 endete die bisherige Form der Austragung an einem gemeinsamen Ort mit verschiedenen Geräten. Wir mußten schon Leihgebühren aus eigener Tasche bezahlen um genügend PC’s, leider wieder mit unterschiedlicher Hardware, zu bekommen.

Als Brettcomputer spielte nurmehr der TASKR30 mit, ansonsten gaben die PC-Programme den Ton an. Es siegte Fritz3/P90 vor MCHESS/P60 und Genius3/i486/66. Damals wurde mir von Ossi Weiner eine wissentliche Benachteiligung des Genius-Programmes durch Verwendung einer Hardware mit halber Leistung vorgeworfen. Nicht ganz zu Unrecht. Aber woher nehmen und nicht stehlen. Wenn einer unserer Schachcomputerfreunde einen P90 mitbringt und darauf unbedingt seinen Fritz3 spielen lassen möchte, kann ich es nicht verhindern. So wie sich die Wiener Schachcomputer-Zeitschrift "Modul" nach 10 Jahren auflöste, sollte auch für das traditionelle "Welser Schachcomputer-Turnier" das "Aus" kommen. Ein wesentlicher Faktor war auch mein Pensionseintritt und damit Ausschluß der Möglichkeit im Unternehmen Räumlichkeiten (die inzwischen anderweitig gebraucht wurden) für Computer-Turniere zu benützen.

Natürlich konnte ich mich persönlich nicht ganz von meinem Hobby trennen, noch dazu wo mir nunmehr mehr Zeit als vorher zur Verfügung stand. Ich entschloß mich zur Anschaffung zwei identer Personalcomputer (P100/16 MB) und veranstaltete Spezial-Turniere ,wie ohne Eröffnungsbibliothek, eine sehr interessante Sache, wenn man sieht wie sich Programme ohne Hilfe den ersten Zug bereits errechnen müssen. Hier kommt die Qualität des Programmierers besonders deutlich zur Geltung. Z.B. Fritz3 und Kallisto 1.83 spielen mit eigener Errechnung bis zu 10 Züge die spanische Partie!! Toll.

Anders Genius. Lang’s Programm versucht sofort die Springer zu entwickeln (Sc3,Sf3 oder als Schwarzer Sc6 bezw. Sf6) und überläßt dem Gegner das Mittelfeld für seine Bauern. Dadurch hat das sieggewohnte Programm Schwierigkeiten mit positiver Bewertung ins Mittelspiel zu gelangen. Das war 1996. Es siegte Fritz3 vor Quest (ebenfalls ein Experimentalprogramm von Frans Morsch, den ich beim AEGON-Turnier in Den Haag kennen lernte). Meine Ergebnisse veröffentlichte ich via Gambit-Soft im immer beliebter werdenden Internet.

Es kam natürlich auch der (leise) Vorwurf, daß ganz ohne Bibliothek manche Programme mehr als andere benachteiligt wären. Aber es gibt fast nichts ungerechteres, als eine Partie mit Bibliothek als Entscheidung heranzuziehen. Die Eröffnungen sollten für Menschen vorgegeben werden und nicht nur für Computer-Computer Spiele. Daher besteht immer ein Risiko, daß ein Gambit, daß gegen Menschen gute Gewinnchancen verspricht, gegen Computer-Programme (die alle Gegenzüge gespeichert haben) in die Hosen geht. Die Entscheidung fällt damit innerhalb der Eröffnung und nicht im eigentlichen Programm.

Mir ist bewußt, daß Schachprogramme so ausgerichtet sind, daß zu Beginn eine Bibliothek die Entwicklung der Figuren übernimmt und dem Programm eine Stellung übergibt, mit dem es Ansatzpunkte für die weitere Entfaltung seiner Programmeigenschaften erhält.

1997 spielte ich wieder mit Eröffnung (ich kannte schon die ersten Züge jedes Programmes ohne Bibliothek zur Genüge) aber ausschließlich im auto232-Modus.

Als zu Beginn dieses Jahres in CSS die wissenschaftlich ausgearbeiteten Eröffnungszüge des englischen Schachcomputer-Experten und Großmeisters Dr. Nunn erschienen, wurde in mir die Idee geboren, eine dieser für beide Seiten neutral verlaufenden Eröffnungen, bei meinem Turnier vorzugeben und jeweils mit Weiß und Schwarz eine Partie spielen zu lassen. Gleichzeitig wollte ich feststellen, ob z.B.  Mchess7 wirklich besser spielt als Mchess6 usw. Ich ließ von jedem Programm die letzten beiden Versionen mitspielen und zwar so, daß sie gegen die gleichen Gegner (die vorgegebene Eröffnung war sowieso gleich) spielen mußten, aber nicht gegeneinander. Fast überall war die letzte Version stärker, nur bei zwei Programmen nicht: Genius 5 ist schwächer als Genius3 und Hiarcs4 ist stärker als Hiarcs6 . Gewonnen hat NIMZO98 (Siehe Internet-Gambit-Soft / Turniere Wels!.)

Für 1999 habe ich mir einmal ein Cupsystem ähnlich der Fußball-Weltmeisterschaft ausgedacht. Aber dieses können Sie bereits über meine eigene Website verfolgen.

CUPSYSTEM 1999

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Wels im Oktober 1998

Franz Wiesenecker